Britischer Staat setzt auf fehleranfällige KI zur Altersbestimmung bei Asylsuchenden
Von Mag-Info Tech editorial · 2026-06-21

Die britische Regierung bereitet den Einsatz von KI-gestützter Gesichtsaltersbestimmung für Asylsuchende vor – ein Schritt, der als erster seiner Art weltweit gilt. Ab nächstem Jahr sollen an den Grenzen des Landes automatisierte Systeme zum Einsatz kommen, die anhand von Gesichtsmerkmalen das Alter von Personen schätzen. Der offizielle Zweck: die Klärung unklarer Altersangaben bei Schutzsuchenden, die keine gültigen Dokumente vorlegen können. Doch interne Testberichte, die Medien einsehen konnten, zeigen ein alarmierendes Bild: Die Technologie stuft Minderjährige regelmäßig als Erwachsene ein. Die Folgen wären gravierend – von der Aberkennung wichtiger Schutzrechte bis hin zur Unterbringung in Erwachsenenunterkünften oder -haftanstalten.
Hintergrund dieser Entscheidung ist die wachsende Zahl an Schutzsuchenden ohne Altersnachweis. In der Praxis führt dies dazu, dass Behörden auf Schätzmethoden zurückgreifen müssen, die bisher oft auf subjektiven Einschätzungen von Sozialarbeitern oder medizinischen Untersuchungen basierten. Die KI-gestützte Gesichtsaltersbestimmung soll hier eine objektivere, schnellere Lösung bieten. Doch die Technologie ist alles andere als zuverlässig. Tests des britischen Innenministeriums zeigen, dass die Systeme bei Kindern und Jugendlichen mit dunklerer Hautfarbe besonders häufig falsche Ergebnisse liefern. In einem Fall wurde ein 14-jähriger Junge als 20-Jähriger eingestuft – ein Fehler, der ihn potenziell lebenslange Konsequenzen kosten könnte. Die Regierung rechtfertigt den Einsatz dennoch mit dem Argument, dass die Technologie trotz bekannter Mängel die einzige praktikable Option sei, um den Zustrom an Asylsuchenden zu bewältigen.
Warum Gesichtsaltersbestimmung problematisch ist
Die Idee, das Alter einer Person allein anhand von Gesichtsmerkmalen zu schätzen, klingt auf den ersten Blick plausibel. Schließlich entwickeln sich bestimmte Gesichtszüge im Laufe der Zeit – Falten, Knochenstruktur oder Hauttextur könnten theoretisch Rückschlüsse auf das Alter zulassen. Doch die Realität sieht anders aus. Die meisten Systeme basieren auf Machine-Learning-Modellen, die mit großen Datensätzen trainiert wurden. Das Problem: Diese Datensätze sind oft verzerrt. Sie enthalten mehr Bilder von Erwachsenen als von Kindern und Jugendlichen, und noch seltener von Menschen mit dunklerer Hautfarbe oder aus verschiedenen ethnischen Gruppen. Das führt dazu, dass die Algorithmen bei Minderjährigen mit bestimmten Merkmalals Erwachsenen einstufen – mit potenziell katastrophalen Folgen.
Ein weiteres Problem ist die mangelnde Transparenz der verwendeten Technologien. Die meisten Anbieter von Gesichtsaltersbestimmungssystemen halten ihre Algorithmen und Trainingsdaten unter Verschluss. Das macht es unmöglich, die Genauigkeit oder mögliche Verzerrungen unabhängig zu überprüfen. Selbst wenn die Technologie in Laborumgebungen akzeptable Ergebnisse liefert, kann ihr Einsatz in der realen Welt zu völlig anderen Ergebnissen führen. Beispielsweise können Lichtverhältnisse, Kameraqualität oder die Haltung der Person vor der Kamera die Schätzungen stark beeinflussen. In einem Fall führte eine schlechte Bildqualität dazu, dass ein 16-Jähriger als 25-Jähriger eingestuft wurde – ein Fehler, der ihn in eine Erwachsenenunterkunft brachte.
Die britische Regierung argumentiert zwar, dass die Technologie nur als vorläufige Maßnahme eingesetzt wird, bis zuverlässigere Methoden zur Verfügung stehen. Doch Kritiker warnen, dass einmal etablierte Systeme nur schwer wieder abzuschaffen sind. Zudem gibt es bisher keine klaren Standards oder Richtlinien, wie mit falschen Altersangaben umgegangen werden soll. Werden Minderjährige fälschlich als Erwachsene eingestuft, verlieren sie nicht nur den Zugang zu speziellen Schutzprogrammen für Kinder, sondern riskieren auch Misshandlung oder Ausbeutung in Erwachseneneinrichtungen. Die psychologischen Folgen einer solchen Fehleinstufung können ebenfalls schwerwiegend sein – von Stigmatisierung bis hin zu Trauma.

Ethische und rechtliche Bedenken: Wer trägt die Verantwortung?
Der Einsatz von KI-Altersschätzung bei Asylsuchenden wirft grundsätzliche ethische und rechtliche Fragen auf. Zunächst einmal: Wer haftet, wenn die Technologie falsche Ergebnisse liefert? Das britische Innenministerium hat bisher keine klare Antwort auf diese Frage. Die Verantwortung könnte bei den Behörden liegen, die die Technologie einsetzen, oder bei den Anbietern der Software. Doch beide Seiten verweisen aufeinander – eine klassische Grauzone, in der am Ende die Betroffenen die Zeche zahlen.
Rechtlich gesehen verstößt der Einsatz solcher Systeme möglicherweise gegen internationale Abkommen zum Schutz von Kindern. Die UN-Kinderrechtskonvention garantiert jedem Kind das Recht auf Schutz und besondere Fürsorge – unabhängig von seinem Status. Werden Minderjährige jedoch fälschlich als Erwachsene eingestuft, verlieren sie diesen Schutz. Zudem könnte der Einsatz von Gesichtsaltersbestimmung gegen das Diskriminierungsverbot verstoßen, wenn die Technologie bestimmte ethnische Gruppen systematisch benachteiligt. Studien zeigen, dass viele KI-Systeme für Gesichtserkennung und -analyse bei Menschen mit dunklerer Hautfarbe weniger genau arbeiten als bei hellhäutigen Personen.
Ein weiteres Problem ist die mangelnde Einwilligung der Betroffenen. Asylsuchende stehen unter enormem Druck und haben oft keine andere Wahl, als sich den Alterschecks zu unterziehen. Eine Verweigerung könnte dazu führen, dass ihre Anträge abgelehnt oder ihre Unterbringung in Erwachseneneinrichtungen angeordnet wird. Die Technologie wird damit zu einem Instrument der Machtausübung – ohne dass die Betroffenen eine echte Wahl hätten. Kritiker vergleichen dies mit anderen problematischen Praktiken, bei denen Technologie genutzt wird, um Menschen zu klassifizieren und zu kontrollieren, ohne dass ausreichende Kontrollmechanismen existieren.
Praktische Herausforderungen: Genauigkeit und Alternativen
Neben den ethischen und rechtlichen Bedenken gibt es auch praktische Herausforderungen, die den Einsatz von KI-Altersschätzung fragwürdig machen. Die Technologie ist nicht nur ungenau, sondern auch leicht zu manipulieren. Eine Person könnte durch gezielte Mimik, Frisur oder sogar Make-up versuchen, ihr Alter zu verschleiern oder zu erhöhen. Zudem ist unklar, wie mit Grenzfällen umgegangen wird – etwa wenn die KI ein Alter von 17 oder 19 Jahren angibt. In solchen Fällen könnte die Technologie mehr schaden als nützen, indem sie willkürliche Entscheidungen begünstigt.
Es gibt bereits Alternativen zur Gesichtsaltersbestimmung, die zwar ebenfalls nicht perfekt, aber weniger fehleranfällig sind. Eine Möglichkeit ist die Kombination aus medizinischen Untersuchungen und sozialen Assessments. Beispielsweise könnten Ärzte das körperliche Entwicklungsstadium eines Kindes beurteilen oder Sozialarbeiter Gespräche führen, um das Alter abzuschätzen. Auch die Nutzung von Dokumenten, die zwar nicht offiziell anerkannt, aber plausibel sind (wie Schulzeugnisse oder Impfpässe), könnte eine Lösung bieten. In einigen Ländern werden bereits solche hybriden Ansätze erprobt – mit besseren Ergebnissen als bei reinen KI-Lösungen.








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Ein weiteres Problem ist die fehlende Standardisierung. Jeder Anbieter von Gesichtsaltersbestimmungssystemen verwendet eigene Algorithmen und Trainingsdaten. Das führt dazu, dass die Ergebnisse von System zu System variieren können – selbst wenn dieselbe Person gescannt wird. Ohne einheitliche Richtlinien und unabhängige Zertifizierungen ist es nahezu unmöglich, die Zuverlässigkeit der Technologie sicherzustellen. Die britische Regierung plant zwar, die Systeme vor ihrem flächendeckenden Einsatz zu testen, doch die bisherigen Testergebnisse zeigen, dass selbst in kontrollierten Umgebungen Fehler auftreten.
Internationale Vorbilder: Wo scheitern ähnliche Systeme?
Großbritannien ist nicht das einzige Land, das mit KI-Altersschätzung experimentiert. In den Niederlanden wurde ein ähnliches System getestet, um das Alter von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen zu überprüfen. Die Ergebnisse waren jedoch so unzuverlässig, dass das Projekt nach kurzer Zeit eingestellt wurde. Auch in Deutschland gab es Versuche, Gesichtsaltersbestimmung in Asylverfahren einzusetzen – allerdings nur in Pilotprojekten. Auch hier zeigten sich ähnliche Probleme: Minderjährige wurden als Erwachsene eingestuft, und die Technologie führte zu zusätzlichen Verzögerungen im Verfahren.
In den USA wird Gesichtsaltersbestimmung vor allem im Zusammenhang mit Jugendschutz im Internet eingesetzt – etwa zur Altersverifikation auf pornografischen Websites. Doch auch hier gibt es Kritik, da die Systeme oft diskriminierend wirken und Minderjährige benachteiligen. In einigen Bundesstaaten wurden bereits Klagen gegen solche Praktiken eingereicht. Die Erfahrungen aus diesen Ländern zeigen, dass KI-Altersschätzung kein Allheilmittel ist, sondern ein Instrument mit hohem Fehlerrisiko und potenziell schwerwiegenden Konsequenzen.
Ein besonders problematischer Aspekt ist die Frage, wie mit den erhobenen biometrischen Daten umgegangen wird. Gesichtsscans enthalten sensible Informationen über eine Person – nicht nur ihr Alter, sondern auch ihre ethnische Zugehörigkeit oder mögliche gesundheitliche Merkmale. Werden diese Daten gespeichert und mit anderen Datenbanken verknüpft, könnte dies zu weiteren Missbrauchsmöglichkeiten führen. Datenschutzorganisationen warnen bereits vor einer schleichenden Ausweitung der Überwachung, bei der biometrische Daten für andere Zwecke genutzt werden könnten – etwa zur Identifizierung von Personen oder zur Erstellung von Bewegungsprofilen.
Was kommt als Nächstes? Forderungen nach Transparenz und unabhängiger Prüfung
Angesichts der bekannten Risiken und der bisherigen Erfahrungen aus anderen Ländern gibt es wachsenden Widerstand gegen den Einsatz von KI-Altersschätzung bei Asylsuchenden. Menschenrechtsorganisationen, Datenschützer und Teile der Wissenschaft fordern, dass die Technologie nicht flächendeckend eingesetzt wird, bevor nicht unabhängige Studien ihre Zuverlässigkeit und Fairness belegen. Zudem wird verlangt, dass Betroffene das Recht auf eine manuelle Überprüfung ihrer Altersangaben erhalten – etwa durch einen Sozialarbeiter oder einen Arzt.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Transparenz. Die britische Regierung muss offenlegen, welche Systeme genau eingesetzt werden, wie sie trainiert wurden und welche Fehlerquoten zu erwarten sind. Nur so können unabhängige Experten die Technologie bewerten und mögliche Verzerrungen identifizieren. Zudem sollte es einen klaren Beschwerdeweg geben, über den Betroffene gegen falsche Altersangaben vorgehen können.
Die Diskussion um KI-Altersschätzung ist auch ein Beispiel für ein größeres Problem: den unkritischen Einsatz von KI-Technologien in sensiblen Bereichen, ohne ausreichende Prüfung ihrer Auswirkungen. In vielen Fällen werden solche Systeme eingeführt, weil sie als „objektiv“ und „effizient“ vermarktet werden – doch in der Praxis führen sie oft zu neuen Ungerechtigkeiten. Die britische Regierung steht nun vor der Herausforderung, eine Balance zwischen Effizienz und Schutz der Rechte von Asylsuchenden zu finden. Eine Lösung könnte darin bestehen, die Technologie nur als eines von mehreren Instrumenten einzusetzen – etwa in Kombination mit medizinischen Untersuchungen und sozialen Assessments.
Fazit: Technologie mit unkalkulierbarem Risiko
Der geplante Einsatz von KI-Altersschätzung bei Asylsuchenden in Großbritannien markiert einen gefährlichen Präzedenzfall. Die Technologie ist fehleranfällig, diskriminierend und leicht zu manipulieren – und ihre Einführung könnte zu lebenslangen Konsequenzen für die Betroffenen führen. Während die Regierung argumentiert, dass sie keine andere Wahl habe, zeigen internationale Erfahrungen, dass es bessere Alternativen gibt. Doch selbst wenn diese Alternativen nicht perfekt sind, sind sie in der Regel zuverlässiger und weniger riskant als reine KI-Lösungen.
Für Asylsuchende bedeutet der Einsatz solcher Systeme eine zusätzliche Hürde auf dem Weg zu Sicherheit und Schutz. Statt auf unausgereifte Technologie zu setzen, sollte die britische Regierung auf bewährte Methoden zurückgreifen und sicherstellen, dass Minderjährige nicht durch fehlerhafte Altersangaben benachteiligt werden. Die Frage ist nicht, ob die Technologie eingesetzt werden kann, sondern ob sie eingesetzt werden darf – ohne dass die Grundrechte der Betroffenen gefährdet werden. Bis diese Frage geklärt ist, bleibt der Einsatz von KI-Altersschätzung ein riskantes Experiment mit ungewissem Ausgang.
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